Das Revival der Rasse

Jan Eufinger Neu
Zum Abschluss der Wochen gegen Rassismus kritisiert Jan Eufinger einen Antirassismus, der dem Rassismus zum Verwechseln ähnlich geworden ist.
Der Vater der Rassentheorie: Arthur de Gobineau. Er verfasste das Werk „Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen“

Der Vater der Rassentheorie: Arthur de Gobineau. Er verfasste das Werk „Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen“

Bild: Wikicommons

Die Aussage „Man soll niemals Kinder schlagen!“ ist rassistisch. Zumindest denkt das Linda Martín Alcoff. Ihre Begründung: die Aussage sei universell und hierarchisiere unterschiedliche Kulturpraktiken zur Bestätigung „weißer Vorherrschaft“.

Alcoff ist eine der zentralen Vertreterin der postmodernen „Critical Philosophy of Race“, die den gegenwärtigen Antirassismus auf eine Art prägt, dass Marin Luther King jr. ihn nicht wiederkennen würde. Zum einen legt er mitunter alte rassistische Vorurteile neu auf. So heißt es plötzlich wieder, „People of Color (PoC)“ seien schlecht in Mathematik, weil diese von „weißen“ Denkweisen geprägt sei – nachdem King dafür gekämpft hatte, dass wir als Vernunftwesen alle zu Mathematik, Logik und vernünftigem Denken fähig sind. Zum anderen ist Kings eigenes antirassistisches Engagement, das auf die Abschaffung der Vorstellung von Rassen hingearbeitet und universalistisch argumentiert hat, dass die Hautfarbe ebenso wenig relevant ist, wie die Haarfarbe - dem es um Farbenblindheit und die Beurteilung von Menschen aufgrund ihres Charakters ging, nach Alcoffs Begriffen rassistisch.

Epistemische Gewalt

Derzeit finden die „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ statt. Zweifellos eine gute Sache, zum einen, um auf Rassismus aufmerksam zu machen. Zum anderen, um antirassistische Theorien und Praktiken dahingehend zu analysieren, ob sie dem Rassismus etwas entgegensetzen oder ihn reproduzieren.

Nach Alcoff und anderen Critical Race Theorien ist rassistisch, was dem Machterhalt der „Weißen“ dient. Zum Beispiel der Universalismus, der die Gleichheit aller Menschen vertritt und daher auf antirassistische Farbenblindheit setzt. Dieser Ansatz helfe Weißen, die eignen Privilegien zu verdecken und damit zu erhalten.

Alcoff geht dann aber noch weiter. Sie wendet sich gegen sozialkonstruktivistische Ansätze, welche die Kategorie der Rasse abschaffen wollen, und besetzt den Begriff „Rasse“ positiv. Sie begreift Rasse als historische Formierung, welche eine Identität liefere, die „Selbstorganisation“ und „kollektive Solidaritätsbande“ ermögliche.

Die Welt wird als durchzogen von Machtstrukturen betrachtet, die anhand rassischer Identitäten verlaufen. Wer zur „weißen Rasse“ gehöre, habe strukturelle Vorteile unabhängig von den eignen Überzeugungen und der eigenen „Farbenblindheit“. Aus diesem Grund soll echter Antirassismus dann in der „Critical Whiteness“ liegen, in der Reflexion auf das eigene „Weißsein“ und die eigenen Privilegien. Dies basiert auch auf der philosophischen Vorstellung, dass unsere Identitäten auch unsere Realität konstruieren. Für „Weiße“ und „People of Color“ stelle sich die Welt unterschiedlich dar. Diese Realitäten seien dabei nicht mehr intersubjektiv vermittelbar. Es sei vielmehr so, dass, wenn „Weiße“ versuchen würden, die Realitätswahrnehmung von „PoC“ zu übernehmen, sie ihnen „epistemische Gewalt“ antun. Diesen Vorwurf machte z.B. die schwarze Autorin und Aktivistin Jasmina Kuhnke Luisa Neubauer, weil sie auf der Solidemo für Collien Fernandes eine schwarze Frau zitierte, ohne die Urheberin und Änderung des Zitats zu nennen.

Es müsse daher darum gehen, sich als „Weiße“ zurückzunehmen und die „Stimmen der PoC“ stark zu machen - bzw. schwarzen Kindern keine formalisierte Mathematik mehr beibringen zu wollen.

Wir gegen die Anderen

Selbstverständlich ist es so, dass rassistische Vorurteile oft unbewusst sind und nicht durch eine bloße Deklaration verschwinden. Der Weg zu einer echten „Farbenblindheit“ ist noch weit. Aber deswegen ist universeller Antirassismus nicht aufzugeben, sondern dringend nötig. Farbenbetonender Antirassismus, der ökonomische Ungleichheit über Rassismus erklärt und diesen ans Weißsein bindet und daher behauptet, dass es rassistische Machtstrukturen gäbe, die auch in einer „farbenblinden Welt“ fortexistieren würden, verdeckt die realen, politökonomischen Ursachen des Rassismus. Stattdessen wollten wir daher rassistische Diskriminierung bekämpfen und auf eine Abschaffung des Denkens in Rassen hinarbeiten, aber ökonomische Probleme als solche kritisieren, um durch deren Beseitigung den Menschen zu helfen.

Darüber hinaus: Ein „Antirassismus“, der die „farbenblinde“ Vorstellung einer Welt ohne Rassen durch einen Kampf der rassischen Identitäten ersetzt, ähnelt in seiner Konzeption gefährlich dem klassischen Rassismus. Er mag den Anspruch haben, für die Unterdrückten zu kämpfen, doch er fördert das Denken in der Kategorie Rasse, die Bildung von Gruppen entlang dieser Kategorie und ein „Wir gegen die Anderen“-Denken. Der Konflikt zwischen „rassischen Identitäten“ wird somit auf Ewigkeit gestellt – und gefährlich angeheizt. Denn dieser Antirassismus, der „Rasse“ zu etwas Positivem erhebt und es keinen Universalismus der Menschheit mehr kennt, erlaubt es, den echten Rassisten aus ihren Löchern zu kriechen und mit aller Gewalt für die Interessen ihrer rassistisch konstruierten Identität zu kämpfen.