Zwischen Tradition und Zukunft
Bremervörde. Plattdeutsch gehört in Bremervörde seit Jahrhunderten zum Klang der Region – warm, rau, ehrlich, bodenständig – und mit wenigen Worten kann man über die Betonung und die Mimik so viel ausdrücken. Bereits das ortstypische „Moin“ kann in seiner Tonalität von „Kleih mi an‘n Mors“ bis hin zu „geiht di dat goot?“ alles aussagen und passt noch dazu zu jeder Tages- und Nachtzeit, in fast jeder Berufssparte und für „lütt und Groot“.
Doch wie viele regionale Sprachen in Deutschland, steht auch Platt heute vor einer großen Herausforderung: Die Zahl der aktiven Sprecherinnen und Sprecher schrumpft, und das kulturelle Erbe droht zu verblassen. Umso wertvoller sind Orte, an denen die Sprache bewusst gepflegt, weitergegeben und neu belebt wird.
Der Bremervörder Kultur- und Heimatkreis: Ein Anker der Plattdeutschpflege
Der Bremervörder Kultur- und Heimatkreis e.V. hat sich dieser Aufgabe seit Jahrzehnten verschrieben. Die Pflege der plattdeutschen Sprache ist dort nicht bloß Tradition – sie ist ein aktiver, lebendiger Bestandteil der Kulturarbeit und ein wichtiger Beitrag zur Sprachdiversität in der Region. Denn regionale Sprachen sind mehr als nur Worte: Sie transportieren Identität, Heimatgefühl und Geschichte.
Über viele Jahre trafen sich im „Plattdüütsch Kring“ echte „native speaker“, die Platt nicht nur gelernt, sondern gelebt haben. Unter der langjährigen Leitung von Hans Freter war der Kring ein Ort für Geschichten, Humor, Erinnerungen und sprachliche Feinheiten, die in keinem Schulbuch stehen.
Aufgrund der altersbedingt kleiner werdenden Gruppe mussten die regelmäßigen Treffen jedoch eingestellt werden – ein Einschnitt, der vielerorts als schmerzhafter Verlust empfunden wurde.
Ein Neubeginn: Platt-Schnacken mit Renate Kiekebusch
Nach einer mehrjährigen Pause gelang es dem Verein, die bekannte plattdeutsche Kolumnenschreiberin und Autorin Renate Kiekebusch für eine neue Runde Plattdeutschbelebung zu gewinnen. Am 16. September 2025 kam der neue Plattdüütsch-Treff erstmals wieder zusammen – ein wichtiges Zeichen dafür, dass Plattdeutsch in Bremervörde noch längst nicht verstummt ist.
Hier geht es nicht nur darum, alte Traditionen im Museumsschrank zu konservieren. Der Treff lädt ein zum Schnacken, Lachen, Erinnern und Entdecken – und bietet auch Menschen ohne plattdeutsche Vorkenntnisse eine herzliche Möglichkeit, in die Sprache hineinzuhören. Denn Sprachpflege gelingt nur dann, wenn sie inklusiv ist. „Uns geht es darum, bei den Treffen auch wirklich alle Teilnehmer zu Wort kommen zu lassen – nur durch das freie Sprechen wird die Sprache gelebt und bleibt im Gedächtnis“, sagt Kiekebusch. Das nächste Treffen ist übrigens am Dienstag, 27. Januar, um 19 Uhr im Hotel Daub.
Plattdeutsch auf der Bühne: Wenn Musik zur Sprachbrücke wird
Sprache lebt nicht nur im Gespräch, sondern auch in der Musik – und genau hier setzt der Kultur- und Heimatkreis ebenfalls starke Impulse.
Im Juni 2025 begeisterte das Hamburger Duo „Die Tüdelband“ das Publikum in Bremervörde. Ihre Mischung aus Pop, Folk und plattdeutschen Texten – „Pop op Platt“ – zeigt eindrucksvoll, dass die Sprache auch modern, jung und überraschend frisch klingen kann. Die intensiven Gitarren- und Schlagzeugarrangements, dazu die norddeutsche Lässigkeit der beiden Musiker Mire Buthmann und Malte Müller, trafen den Nerv der Gäste.
Und das Engagement geht weiter: Am Samstag, 14. März, folgt ein weiteres Konzert im Ludwig-Harms-Haus, das die plattdeutsche Sprache mal traditionell, mal modern präsentiert. Das Duo „Plattgold“ zeigt in seinem Programm „De Speelmann“, wie viel Tiefe, Gefühl und musikalische Vielfalt in der Mundart steckt.
Mit liebevollen Arrangements aus Cello, Gitarren, Banjo und Mundharmonika schaffen die beiden Musiker Klangräume, die mal zum Träumen verführen, mal zum Schmunzeln. Für nicht plattdeutsch-affine Gäste wird die Moderation auf Hochdeutsch gehalten – ein gelungenes Beispiel für sprachliche Inklusion.
Plattdeutsch für die Jugend
In einigen Orten rund um Bremervörde wird plattdeutsch noch regelmäßig gesprochen und zum Teil auch an den Schulen unterrichtet. Aus einer der Schulen kommen Lilou Beckmann, Natalia Seebeck, Greta Lange und Justus Müller, die an der Grundschule in Oerel von Angela Martens (Musiklehrerin an der Grund- und Oberschule Geestequelle) und später von Imke Weitz (Kreiskantorin des Kirchenkreises Rotenburg/Wümme) die ersten Einblicke in die plattdeutsche Sprache gewonnen haben und aktuell in die 7. Klasse des Gymnasium Bremervörde gehen. Für das Musikprojekt „Dat bün ik“ haben Schülerinnen und Schüler zahlreiche plattdeutsche Lieder eingesungen, die nun als CD zusammen mit dem dazugehörigen Buch im Handel (Quickborn Verlag) erhältlich sind und zusätzlich bereits als Schulungs- und Unterrichtsmaterial an zahlreiche Schulen in der Region verteilt wurden und auch online auf Streaming-Plattformen zu hören und zu sehen sind: youtube.com/watch?v=v4vvh90Y6ao
Meinung über die plattdeutsche Sprache
Lilou hatte bereits über ihre Oma die erste Berührung mit dem Platt, während Natalia mit ihrem Vater plattdeutsche Geschichten liest. Greta hingegen hörte Platt bereits regelmäßig, da ihre Oma mit deren Geschwistern immer plattdeutsch geredet hat. Auch bei Justus sprechen Oma, Opa und Uroma regelmäßig diese vom Aussterben bedrohte Sprache miteinander.
Im Frühjahr 2025 drehten die Kinder ihr erstes Musikvideo zu „Wi sünd stark“ , bei dem es nicht nur einen umfangreichen Videodreh gab, sondern auch noch Einblicke in die verschiedenen Tonstudios wie „Vintage Studio“ von Detlef Wiedeke, „Hayn-Nine“ von Björn Werner und „Druck-View-Studio“ von Werner Becker. Eine spannende und aufregende Erfahrung für die Jugendlichen, die sich jetzt schon auf den nächsten Videodreh freuen.
„Das freie Sprechen fehlt uns leider“, sagen die vier Darsteller unisono und würden sich freuen, wenn es mehr Möglichkeiten der Förderung an Schulen geben würde. Ob mit Projektwochen, zweisprachigem Unterricht in der 5. und 6. Klasse, Theaterstücke oder anderen Aktivitäten – Ideen gibt es genug. „Ich würde mich freuen, wenn Plattdeutsch erhalten bleibt – gerade im Kontakt mit den Älteren wäre es doch schön, wenn mehr junge Menschen das Platt noch verstehen“, sagt Justus.
Das Musikprojekt „Dat bün ick“ hat den Kindern einen Einblick in die Sprachvielfalt geöffnet, auch jetzt sind sie in der 7. Klasse im bi-lingualen Unterricht, d.h. Aktuell wird Erdkunde in Englisch/Deutsch unterrichtet, ab Klasse 8 kommt noch Biologie als zweisprachiges Unterrichtsfach dazu. Die Schulleitung des Gymnasium stellt sich hinter die Wünsche der Schüler, plattdeutsch nicht aussterben zu lassen.
Falls es gelingt, einen Anleiter oder eine Anleiterin für eine AG zu finden, werden wir eine Plattdeutsch-AG sofort einrichten, sagt Schulleiter Dr. Strohbach.
Wer mehr von den „Plattrebellen“ hören möchte, kann diese übrigens auch für Veranstaltungen und Feiern über Hans-Hinrich.Kahrs@t-online.de zubuchen.
