Sechs Tote nach Schüssen in Stade
Stade. Nach tödlichen Schüssen in einer Jugendhilfeeinrichtung in Stade dauern die Ermittlungen an. Sechs Menschen kamen am Montag ums Leben, darunter vier Frauen und zwei Männer. Nach Angaben der Polizei handelte es sich bei den Opfern um Mitarbeitende der Einrichtung beziehungsweise des Jugendamts. Drei der Getöteten sollen nach NDR-Angaben Mitarbeiter der Region Hannover gewesen sein.
Verlauf der Tat
Gegen 12 Uhr waren mehrere Notrufe bei der Leitstelle eingegangen. Einsatzkräfte fanden in der Einrichtung zunächst vier Tote. Eine weitere Person starb trotz Reanimationsversuchen, ein sechstes Opfer erlag später im Krankenhaus seinen Verletzungen.
Der mutmaßliche Schütze floh nach Polizeiangaben in einem Auto. Am Steuer soll eine 65-jährige Frau gesessen haben. Beide wurden zunächst festgenommen. Die Polizei sicherte die mutmaßliche Tatwaffe. Der 45-Jährige war den Behörden bereits bekannt, galt nach Angaben der Polizei aber nicht als gewalttätig.
Zur Vorbereitung der Tat soll der Tatverdächtige die Waffe nach NDR-Recherchen etwa eine Woche vor den Schüssen in Berlin gekauft haben. Es soll sich um eine Beretta Modell 70 handeln. Für die Pistole und 21 Schuss Munition habe der Mann a Kurfürstendamm rund 4.000 Euro bezahlt.
Haftbefehl erlassen
Das Amtsgericht Stade erließ am Dienstag, 30. Juni, Haftbefehl gegen den 45.Jährigen. Die Staatsanwaltschaft sieht nach eigenen Angaben insbesondere Mordmerkmale der Heimtücke und der niedrigen Beweggründe als erfüllt an. Eine Mordkommission ist seit Mittwoch, 1. Juli, mit dem Fall befasst.
Die Prüfung des Haftbefehlantrags habe nach Angaben der Staatsanwaltschaft wegen des Umfangs des Verfahrens Zeit benötigt. Es seien zahlreiche Spuren und Ermittlungsergebnisse zusammenzutragen und auszuwerten gewesen.
Streit um Umgangsrecht
Hintergrund der Tat soll ein Streit um das Umgangsrecht für die drei Monate alte Tochter des verdächtigen sein. Das Kind war gemeinsam mit der 34 Jahre alten Mutter in der Stader Einrichtung untergebracht. Der Vater war nach NDR-Informationen am Montag zu einem Termin in der Jugendhilfeeinrichtung erschienen. Dort solle es um den Umgang mit seiner Tochter gehen. Mutter und Kind wurden bei der Tat nicht verletzt.
Nach Recherchen von NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung“ hatte es bereits zuvor Streit um die Behandlung des Kindes gegeben. Der Säugling war demnach im Alter von etwa fünf Wochen als Notfall in eine Klinik in Hannover gebracht worden. Dort soll ein Arzt den Verdacht auf ein Schütteltrauma geäußert haben. Die Eltern wiesen diesen Verdacht zurück. Im Verlauf der Behandlung kam es laut Staatsanwaltschaft zu gegenseitigen Anzeigen. Ärzte erstatteten am 22. April Anzeige gegen den 45-Jährigen, weil sie sich unter anderem durch sein Verhalten bedroht gefühlt hätten. Der Vater wiederum stellte am 18. Mai Strafanzeige gegen fünf Krankenhausbeschäftigte. Dabei soll es unter anderem um den Vorwurf falscher Verdächtigungen gegangen sein.
Nach der Entlassung des Kindes aus der Klinik leitete das Jugendamt den Informationen zufolge die Inobhutnahme des Mädchens ein. Ein Familiengericht ordnete später an, dass das Kind wieder mit der Mutter zusammengeführt werden müsse. Mutter und Tochter wurden am 26. Mai in der Einrichtung in Stade untergebracht.
Brief an Medien
Auch die Rolle der 65-jährigen Frau, die als Fahrerin diente, wird weiter geprüft. Sie soll die Patentante des Kindes sein.
Drei Tage vor der Tat soll die Frau ein Schreiben an den NDR und weitere Medienhäuser geschickt haben. Darin schilderte sie ihre sicht auf die Vorgeschichte des Umgangsstreits. Nach Angaben der „ Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ umfasst das Dokument 20 Seiten. Darin soll sie unter anderem von „Widersprüchen, Ungereimtheiten und unzulänglichen Dokumentationen des medizinischen Personals“ geschrieben haben. Die Angaben aus dem Brief lassen sich laut der Behörden wegen Schweigepflicht, Datenschutz und Persönlichkeitsrechten nicht überprüfen.
Gegen die Mutter des Kindes und die Patentante bestehe derzeit kein dringender Tatverdacht. Eine mögliche Beteiligung der beiden Frauen sei aber Gegenstand der Ermittlungen. Ob und welcher Tatvorwurf am Ende angeklagt werden, könne erst nach Abschluss der Ermittlungen entschieden werden.
Trauer hält an
Die Region Hannover richtete nach der Tat ein Krisenstab ein. In Stade fand zudem am Dienstag eine Andacht in der St.-Willehadi-Kirche statt. Ministerpräsident Olaf Lies sagte dort: „Das Böse darf niemals siegen.“
Landrat Marco Prietz, sagte in seiner Funktion als Präsident des Niedersächsischen Landkreistages zu der Gewalttat, dass der Tod von sechs Menschen ihn zutiefst erschüttere. „Beschäftigte der Jugendhilfe, die Kindern und Erwachsenen in familiären Krisen beistehen und sie schützen wollen, wurden grausam aus dem Leben gerissen. Dies ist ein Moment tiefer Trauer, unser Mitgefühl gilt den Betroffenen“, so Prietz in der Pressemitteilung des Niedersächsischen Landkreistages.

