Demokratie von nebenan
„Ich hatte früher zahlreiche Freundinnen und Bekannte, die mich oft besucht haben. Jetzt kommt niemand mehr, ich bin fast immer allein.“
Es ist ein dramatischer Satz. Gesagt hat ihn eine 81-jährige Worpswederin. Der Redaktion übermittelt hat ihn Erwin Bienewald, Leiter der Stiftung Maribondo. Bienewald hat unter anderem die Wohngemeinschaft für demenzkranke Menschen in Worpswede mit ins Leben gerufen. Er weiß, dass Einsamkeit keine Randnotiz des Alters, sondern eine brutale soziale Tatsache ist, nichts Natürliches also, was man akzeptieren muss.
Bienewald setzt sich daher für einen Nachbarschaftstreff im Blauen Haus ein. Das Blaue Haus in Worpswede ist Kunstgalerie, Café, Veranstaltungsort und Treffpunkt. Ein Ort also, an dem ohnehin schon etwas von dem geschieht, was Nachbarschaft im besten Fall sein kann: Menschen kommen zusammen, ohne dass vorher ganz klar sein muss, was daraus wird. Der Nachbarschaftstreff soll offen für alle sein, um das Wort Nachbarschaft mit Leben zu füllen.
Gerade für alte Menschen und Menschen mit Behinderungen könne Nachbarschaft ein wichtiges Netz „gegen Einsamkeit“, sagt Bienewald. Darin eingewoben sind im besten Fall Hilfe, Respekt, Freundlichkeit. Ein Gruß. Ein Besuch. Eine Hand, die etwas abnimmt. Eine Frage, ob alles in Ordnung ist.
Bitterer Beigeschmack
Dass für Nachbarschaft überhaupt sich engagiert werden muss, dass es einen Tag der Nachbarschaft gibt, ist nicht nur Ausdruck von Achtung vor lokaler Selbstorganisation, sondern von Krise. Der Hände, die Hilfe brauchen, sind viele, außer Ordnung geraten ist einiges. Und vieles steht auf der Kippe. Bienewald nennt die drohenden Einschnitte im Gesundheitswesen, in der Pflege und nicht zuletzt bei der Rente. Altern in Deutschland wird auf lange Sicht für viele härter, unsicherer, teurer, einsamer. Und je brüchiger die öffentlichen Sicherheiten werden, desto wichtiger erscheint plötzlich das Private, das Ehrenamtliche, das Nachbarschaftliche.
Die Nachbarschaft soll wärmen, wo die Verhältnisse kälter und die Menschen autoritärer werden.
Zum Tag der Nachbarschaft wird deshalb auch von höchster Stelle die Bedeutung des Miteinanders betont. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat im Umfeld des Grundgesetz-Geburtstages einen Ehrentag angestoßen, der die Demokratie feiern und stärken soll. Die Botschaft ist nicht falsch: Demokratie lebt nicht nur von Institutionen, sondern auch von Menschen mit Achtung vor einander, die sich nicht gleichgültig sind.
Und dennoch bleibt ein bitterer Beigeschmack. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass in solchen Beschwörungen auch eine Verantwortungsverschiebung liegt. Während die Politik, auch die Partei des Bundespräsidenten, den Menschen das Leben durch Einschnitte, Zumutungen und schlechte Aussichten schwerer macht, wird die daraus entstehende Notwendigkeit gegenseitiger Hilfe zur moralischen Sinnstiftung erhoben. Erst werden Sicherheiten brüchig, dann soll die Nachbarschaft es richten.
Das spricht nicht gegen Nachbarschaft, sondern gegen ihre ideologische Instrumentalisierung, von der man sich nicht einlullen lassen sollte.
Orte der Begegnung
Sebastian Kurtenbach, Professor für Politikwissenschaften an der Universität Münster, weist darauf hin, dass Nachbarschaft nicht einfach Wohnnähe bedeutet. Man kann Wand an Wand leben und sich doch fremd bleiben. Nachbarschaft braucht deshalb Orte, an denen räumliche Nähe überhaupt erst in Beziehung übersetzt wird. Orte ohne „Konsumzwang“, an denen man nicht erst etwas kaufen muss, um bleiben zu dürfen, so Kurtenbach.
Das sei entscheidend. Denn eine Gesellschaft, die fast jeden Aufenthalt an Zahlung knüpft, produziert nicht zufällig Einsamkeit. Wer sich ein Getränk nicht leisten kann, bleibt draußen. Nachbarschaftliche Orte können dagegen etwas anderes ermöglichen. Nicht Idylle. Nicht Harmonie. Sondern ein Aufeinandertreffen von Menschen, die sich nicht alle ähnlich sind und sich gerade deshalb etwas zumuten – Anstand abverlangen.
Davon erzählen der Reaktion Ute Zenglein und Piet Kühl aus dem Truper Feld in Lilienthal. „Unsere Nachbarschaft ist vielseitig. Jung und Alt, Single, Paare und Familien, verschiedene Nationalitäten. Wir achten auf uns und gehen respektvoll miteinander um. Wenn das alle tun würden, sähe die Welt ganz anders aus!“
Unterschiedlichkeiten aushalten
Das ist zwar eine Illusion, denn Respekt vor einander schafft Ausbeutung und Herrschaft nicht ab, und das Weltgeschehen prozessiert durch institutionelle Vermittlungen.
Er gibt aber eine Bedingung ab, gemeinsam Erkenntnisse darüber zu erlangen, statt sich einsam in Wut und Verzweiflung zu stürzen.
Nachbarschaft ist dabei keine Freundschaft. Freundinnen und Freunde sucht man sich aus. Nachbarn oft nicht. Genau darin liegt die demokratische Härte der Nachbarschaft; die Einübung liberaler Freiheit. Im Nahbereich trifft man auf Menschen, deren Lebensentwürfe, Herkunft, Gewohnheiten, Lautstärke, Kinder, Hunde, Autos, Feste und Sorgen man nicht bestellt hat. Das kann nerven. Es kann eng sein. Es kann scheitern. Aber wenn es gelingt, dann nicht deshalb, weil alle gleich sind, sondern weil Unterschiedlichkeit ausgehalten und geregelt wird.
Sabine Schneider vom Nachbarschaftsladen Engeo und Liane Hudalla von den Kümmerern Hambergen beschreiben diese Erfahrung sehr praktisch. Für Hudalla bedeutet Nachbarschaft: „Gemeinschaft, Vertrautheit, auch über die unmittelbaren in der Nähe wohnenden Menschen hinaus. Nachbarschaft bedeutet für mich einfach ein gutes Miteinander, einander aushelfen, miteinander feiern, nach dem Anderen vielleicht Schwächeren schauen, sich kümmern.“ Sich kümmern heißt hier, den anderen in seiner Bedürftigkeit nicht als Störung, sondern als Teil der gemeinsamen Welt zu begreifen.
Für Schneider gehören dazu „Gegenseitiges Interesse und Unterstützung“ und „geselliges Zusammensein“. Und, ausdrücklich: „Respekt vor verschiedenen Lebensentwürfen“.
Respekt vor verschiedenen Lebensentwürfen heißt nicht, alles richtig zu finden. Es heißt, den anderen nicht erst dann gelten zu lassen, wenn er einem ähnlich genug geworden ist. Ohne diese Grenze kann Nachbarschaft nämlich auch in ihr Gegenteil umschlagen: in eine autoritäre Kontrollinstanz, die Abweichung nicht aushält, sondern beobachtet, bewertet, sanktioniert.
Gerade in Deutschland weiß man, bzw. sollte man wissen, wohin ein solches Einverständnis der Konformitären führen kann. Das faschistische Potenzial gedieh nicht nur in Parteizentralen, Amtsstuben und Polizeiapparaten. Es gedieh in Nachbarschaften, in denen der Unwille, Abweichung auszuhalten, zur Bereitschaft wurde, Menschen auszuliefern. Von hier aus wurden Jüdinnen und Juden denunziert, verfolgt und in die Vernichtung getrieben – nicht selten unter Mitwirkung oder Zustimmung jener, die nebenan wohnten.
Darum ist die Frage, welche Art von Nachbarschaft gemeint ist, keine Kleinigkeit. Eine Nachbarschaft, die nur Gleichförmigkeit erträgt, ist kein Ort der Demokratie. Sie ist deren Gegenbild im Kleinen. Demokratisch wird sie erst dort, wo Menschen einander nicht überwachen, sondern gelten lassen; wo Nähe nicht zur sozialen Kontrolle wird, sondern zur Einübung in Gelassenheit, Rücksicht und Widerspruch.
Entfernung verringern
Das gelinge, so Schneider, wenn „die Interessen der Menschen im Vordergrund stehen und sie zu Handlungsfähigkeit und Selbstorganisation aktiviert werden. Gute Nachbarschaft braucht den Quartiersbezug, Partizipation der Bewohner*innen als Experten ihres Stadtteils, Ansprechpersonen, Einmischung in die Kommunalpolitik und Begegnungsorte.“ Das will auch der Nachbarschaftsladen Engeo sein.
Hudalla nennt Nachbarschaft knapp „Eine Gemeinschaft, die immer wieder gemeinsam Veränderungen bewirkt“. Und sie beschreibt sie als einen Raum, in dem „Populisten keine Chance haben, weil es eben nicht um DIE DA geht, sondern um ALLE GEMEINSAM - MITEINANDER!“
Das ist ein treffender Satz. Populismus lebt von negativer Entfernung. Er braucht „die da“. Die da oben. Die da unten. Die Fremden. Die Eliten. Die Städter. Die Dörfler. Die Politiker. Die Arbeitslosen. Die Migranten. Die alten weißen Männer. Die Woken. Je größer die Entfernung, desto leichter lässt sich verachten.
Nachbarschaft kann diese Entfernung verringern, ohne Angleichung zu erzwingen. Schneider formuliert es so: Demokratiefördernd sei Nachbarschaft, weil sie „Austausch und Begegnung auf Augenhöhe“ ermögliche. Das wirke „Ausgrenzung entgegen und schafft Verständnis für Meinungsvielfalt.“ Außerdem könnten hier „Gemeinsame Interessen“ gefunden werden, die „heterogene Gruppen verbinden“ können. Also durch sachliche Vermittlung, das heißt durch Solidarität statt Gemeinschaftskitsch und Feindbestimmung.
Erinnerung an die Beschädigung im Kleinen
Das ist vielleicht die nüchternste Verteidigung der Nachbarschaft. Sie erlöst die Gesellschaft nicht. Sie ersetzt keine Sozialpolitik. Sie schafft keine gerechte Rentenformel, keine Pflegekräfte, keine bezahlbaren Wohnungen und keine demokratische Kultur aus dem Nichts. Aber sie kann verhindern, dass Menschen nur noch als Konkurrenten, Störende oder feindliche Fremde erscheinen. Sie kann den Raum offenhalten, in dem man merkt, dass andere andere Sorgen haben, aber manchmal dieselben Interessen. Im besten Fall mildert Nachbarschaft den Schrecken, den die Welt darstellt und schafft Raum für Gedanken statt Panik.
Gerade deshalb sollte man Nachbarschaft nicht romantisieren. Sie ist kein warmer Gegenort zur bösen Gesellschaft. In ihr zeigen sich dieselben Widersprüche wie überall: Ungleichheit, Vorurteile, Überforderung, Gleichgültigkeit. Aber sie zeigt sie näher. Man kann nicht so leicht wegsehen, wenn die Einsamkeit nebenan wohnt. Man kann nicht so leicht abstrakt bleiben, wenn der Konflikt am Gartenzaun beginnt. Und man kann auch nicht so leicht politisch unschuldig tun, wenn deutlich wird, dass Menschen Orte brauchen, an denen sie vorkommen.
Hudalla beschreibt die Voraussetzungen eines guten Miteinanders mit Worten, die zugleich privat und politisch sind: „Ein gutes Miteinander benötigt Offenheit, Austausch, Kommunikation, Mitgefühl, Verständnis, Toleranz, auch Bereitschaft für Kompromisse und gemeinschaftliches Engagement in der Kommune.“
All das ist in einer Gesellschaft, die Menschen vereinzelt, erschöpft und gegeneinander in Stellung bringt, keine Selbstverständlichkeit. Offenheit kostet Kraft. Austausch braucht Zeit. Empathie setzt voraus, dass man selbst nicht völlig am Ende ist. Das heißt aber auch: Nachbarschaft setzt Verhältnisse voraus, die Menschen nicht zum Gartenzaun ihrer selbst erstarren, sondern ihnen wenigstens die Kraft übrig lassen, einander freundlich zu grüßen. Und Streits auszutragen, ohne moralistisch zu eskalieren.

