Herzenssache Klenkendorf

Ralf G. Poppe 33
Ein historisches Bauernhaus aus der Zeit der Moorkolonisation ist für Friederike Kaiser und Fred Guntermann zum neuen Lebensmittelpunkt geworden.
Friederike Kaiser und Fred Guntermann haben sehr viel eigenhändig renoviert.

Friederike Kaiser und Fred Guntermann haben sehr viel eigenhändig renoviert.

Bild: Rgp

Gnarrenburg-Klenkendorf. Die ehemalige Museumsleiterin Friederike Kaiser und ihr Ehemann und Musiker Fred Guntermann haben vor wenigen Wochen ihren ersten Wohnsitz aus München und Frankfurt nach Klenkendorf verlegt. Was im ersten Moment überraschend klingt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als Erfüllung eines Traums mit kulturhistorischer Bedeutung. In dem 250-Seelen-Ort hat das Paar ein uraltes niederdeutsches Bauernhaus gekauft und mithilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) fachgerecht renoviert.

 

Inspirationsquelle in der Natur

Friederike Kaiser hat mehr als 25 Jahre das Alpine Museum in München geleitet. Dort hat sie, so der Alpenverein in einer schriftlichen Würdigung, mit Ausstellungen, Veranstaltungen und Forschungen rund um die Kultur und die Geschichte der Berge neue Blickwinkel eröffnet und andere Perspektiven erschaffen. „Es war uns beiden schon lange klar, dass wir aufs Land ziehen wollen. Wir waren gerne in der Stadt, kommen aber beide vom Land und lieben das genauso“, sagt Kaiser. Sie und ihr Mann haben sich in ganz Norddeutschland umgesehen. „Und dann ist es Klenkendorf geworden. Gar nicht weit weg von Bremervörde, wo mein Bruder wohnt. Ein paar Jahrzehnte in München und Frankfurt waren großartig, aber jetzt lieben wir unser kleines Grundstück inmitten der Natur, das Arbeiten im Wald, im Haus und im Garten, die Herzlichkeit unserer Nachbarn und einfach die wunderschöne Landschaft.“

Guntermann, dessen musikalischer „WinterGarten“ für Klarinette und Elektronik in Musikerkreisen viel Anklang findet, bestätigt die Worte seiner Frau: „Die 35 Jahre in Frankfurt waren wirklich toll. Doch irgendwann habe ich gemerkt, dass etwas anderes kommen muss. Da die Natur und insbesondere die Vogelgesänge für mich als Musiker immer schon eine große Inspirationsquelle waren, sind wir dann auf unsere Fahrräder gestiegen und losgeradelt. Das Grundstück in Klenkendorf war für uns dann ideal.“

 

Geschichtlicher Hintergrund

Beim neuen Zuhause handelt es sich um ein kleines Zweiständerbauernhaus mit Backsteinausfachungen unter einem Dreiviertelwalmdach in Reetdeckung, das 1824 bis 1829 im Zuge der Findorffschen Moorkolonisierung errichtet wurde. Eine zentrale Figur der Moorkolonisation war Jürgen Christian Findorff, auf den die Anlage der damals entstandenen Dörfer als Reihensiedlungen, die Anlage von Kanälen, die Größe der Parzellen und mehr zurückgingen. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts waren auf diese Weise über 70 Dörfer gegründet worden, in denen fast 14.000 Einwohner:innen lebten.

Das Haus Klenkendorf 22 entstand auf einer von fast 30 Siedlerstellen des 1824 gegründeten Ortes Klenkendorf. Es ist beispielhaft für die Geschichte der Moorkolonisation. Heute steht das Haus auf einer kleinen Anhöhe, da das Gelände rundherum abgetorft wurde, um zum Lebensunterhalt der ehemaligen Bewohner:innen beizutragen. Es handelt sich um ein Wohn- und Wirtschaftsgebäude, das auch als Wohnstallhaus bezeichnet wird, in dem die Funktion des Wohnens, der Viehhaltung und der Lagerung unter einem Dach vereint waren. Dabei kam der Typ des niederdeutschen Hallenhauses zur Anwendung, der typischerweise aus Diele, Flett und Kammerfach besteht. Ab den 1850er-Jahren dürfte das Haus um ein Dielengefach erweitert und die jetzige Fassade errichtet worden sein. Erst 1913 bauten die Besitzer:innen das Kammerfach an, vor 1938 trennten sie eine Küche ab und errichteten dann den Schornstein. Da das Haus seit den 1940er-Jahren jahrzehntelang verpachtet war, erfuhr es bis auf den Dachausbau mit zwei straßenabgewandten Dachgauben keine weiteren gravierenden Ausbauten. Die ehemalige Struktur des von der Straße zurückgesetzten Hofes mit Hausdamm und Eichenallee ist nach wie vor sehr gut zu erkennen.

 

Baukünstlerische Bedeutung

Es handelt sich bei dem vorliegenden Denkmal um das einzig bekannte Bauernhaus in der weiteren Umgebung, das ursprünglich ohne Kammerfach errichtet wurde. Kürzlich besuchte Dr. Reinhold Kolck, Leiter des Ortskuratoriums Stade der DSD, die neuen Eigentümer:innen, um symbolisch einen Fördervertrag über 95.000 Euro an das Paar zu überbringen. Im Mittelpunkt der Förderung steht die denkmalgerechte Instandsetzung des historischen Gebäudes. Gefördert wurden die Instandsetzung des Dachwerks und die Neueindeckung des Reetdachs, die Reparatur und Rekonstruktion von Fenstern und Türen sowie die Überarbeitung des Fachwerks. Das Wohn- und Wirtschaftsgebäude in Gnarrenburg-Klenkendorf ist eines der über 580 Denkmale, die die DSD dank privater Spenden, ihrer Treuhandstiftungen sowie der Mittel der Lotterie GlücksSpirale bisher allein in Niedersachsen fördern konnte. Damit hat das Ehepaar nun nicht nur ein wunderschönes neues Zuhause, sondern zudem geholfen, perspektivisch ein Stück Geschichte für die Nachwelt zu erhalten.