HeimlicheNachbarn
Landkreis. Sie hängen kopfüber, fliegen in der Dunkelheit und verständigen sich in einem Frequenzbereich, den Menschen nicht hören können. Vielleicht genügte das schon, um die Fledermaus über Jahrhunderte zu einem Tier der Zwischenwelten zu machen: weder Vogel noch Maus, tagsüber verborgen, nachts plötzlich da. Im europäischen Raum brachte man sie vom Mittelalter bis in die Romantik mit Hexerei, dem Teufel und den Tod in Verbindung. So bekamen Dämonen Fledermausflügel, Vampire ihre Teilgestalt. Auch heute noch hält sich die falsche Vorstellung, die Tiere könnten sich in Haaren verfangen. In chinesischer Mythologie sind sie dagegen positiv besetzt, sie gelten u.a. als Glücksbringer.
Mit der Wirklichkeit hat vieles davon wenig zu tun. Blutleckende Fledermausarten gibt es zwar – allerdings nur wenige und in Südamerika. Und heimische Fledermäuse, sagt Tasso Schikore, „fliegen auch nicht bevorzugt in hochgesteckte Frauenhaare“.Doch faszinierend genug seien sie auch ohne Gruselgeschichte.
Schikore ist Diplom-Biologe bei der Biologischen Station Osterholz (BiOS) und Fledermaus-Regionalbetreuer. Im Landkreis Osterholz sind bislang 13 Arten nachgewiesen; in Niedersachsen kommen 19, deutschlandweit 25 Arten vor.
Mit den Ohren sehen
Das eigentlich Fremdartige beginnt dort, wo die menschliche Wahrnehmung endet. Fledermäuse stoßen Ultraschalllaute aus und fangen deren Echo wieder ein. So erhalten sie im Flug Informationen über ihre Umgebung und mögliche Beute. Der Körper, erzählt Schikore, ist dabei erstaunlich fragil: feine, lange Knochen, dazwischen eine dünne, durchblutete Flughaut. Je nach Art liegen Jagdgebiete fünf bis zehn Kilometer entfernt, ausnahmsweise sogar bis zu 25 Kilometer. Manche Arten ziehen über weite Strecken, andere wechseln regelmäßig ihre Quartiere.
Im Landkreis Osterholz ist die Zwergfledermaus häufig und weit verbreitet; Schikore geht davon aus, dass es wohl in jedem Dorf ein oder mehrere Gebäudequartiere gibt. Wasserfledermäuse finden sich an größeren Gewässern, Breitflügelfledermäuse vor allem in dörflichen und ländlichen Bereichen. „Die Teichfledermaus jagt unter anderem über Hamme, Wümme und Weser“, so der Fledermausexperte.
Im Landkreis Rotenburg sind derzeit 15 Arten bekannt. Häufiger sind dort Breitflügelfledermaus, Zwergfledermaus und Großer Abendsegler; daneben kommen seltenere Arten wie Bechsteinfledermaus, Teichfledermaus und Großes Mausohr vor. Seit 2024 versucht die Ökologische NABU-Station Oste-Region gemeinsam mit dem Naturschutzamt, die noch lückenhafte Datenlage zu verbessern. Als Fachkundige ist unter anderem die Biologin Petra Bach tätig.
Wenn Quartiere verschwinden
Fledermäuse brauchen strukturreiche Landschaften: alte und höhlenreiche Bäume, naturnahe Wälder, Hecken, insektenreiche Gewässer sowie Gebäude mit geeigneten Spalten und Hohlräumen. Vieles davon gerät unter Druck. Als sein „Sorgenkind“ nennt Schikore die Teichfledermaus. Auch beim Großen Abendsegler und bei der Breitflügelfledermaus seien Abnahmetendenzen zu beobachten. Die aktuelle Rote Liste Niedersachsens bestätigt stärkere Rückgänge gerade bei Abendsegler und Breitflügelfledermaus. Als Ursachen gelten unter anderem intensive Land- und Forstwirtschaft, der Verlust von Insekten, Versiegelung, der Verlust alter Bäume sowie Gebäudesanierungen und Abrisse. Für Arten wie Abendsegler und Rauhautfledermaus kommt das Kollisionsrisiko an Windenergieanlagen hinzu. Dieses Konfliktfeld zwischen Klima- und Artenschutz eröffnet sich auch am Eigenheim. Was energetisch sinnvoll ist, kann für eine Fledermaus das Ende eines lange genutzten Quartiers bedeuten, wenn bei einer Sanierung Spalten verschlossen werden. Artenschutz müsse deshalb bei Sanierungen und Gehölzarbeiten von Beginn an berücksichtigt werden, mahnt Schikore.
Dabei lässt sich helfen: heimische und insektenfreundliche Pflanzen, weniger intensive Pflege, kein Einsatz von Bioziden und der Erhalt von Totholz schaffen Nahrung und Unterschlupf. „Fledermauskästen können ebenfalls sinnvoll sein. Sie sollten mindestens drei bis vier Meter hoch hängen und einen freien An- und Abflug ermöglichen. Bei Neubauten und Sanierungen können Quartiersteine direkt in Gebäude integriert werden“, erklärt Schikore.
Zur 30. Internationalen Bat Night am 29. und 30. August werden die lange gefürchteten Nachtgestalten zum Gegenstand der Beobachtung. Schikore lädt am Sonntag, 30. August, zu einer rund einstündigen Exkursion an die Hamme ein. Treffpunkt ist um 20.30 Uhr auf dem kleinen Parkplatz an der Kreisstraße 9 vor Tietjens Hütte. In Bremervörde und im Landkreis Rotenburg war man schon eine Woche vorher auf Fledermausexkursion.
Ganz sichtbar wird die Welt der Fledermäuse dabei nicht. Aber hörbar. Und vielleicht liegt ein Teil ihrer Faszination auch gerade darin, dass neben unserer vertrauten Landschaft jede Nacht noch eine andere existiert.



