Bilder von Menschen

Katja Hofmann Neu
Malerin Heike Kati Barath hat im Barkenhoff über Menschenbilder, animierende Selbstzweifel und die Aktualität Paula Modersohn-Beckers gesprochen. Katja Hofmann hat ihr zugehört.

Worpswede. Was verbindet eine Künstlerin des frühen 20. Jahrhunderts mit einer Malerin der Gegenwart? Mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde, so die Malerin Heike Kati Barath. Im Künstlerinnengespräch

gewährt sie Einblicke in ihre Arbeit und ihre Auseinandersetzung mit Paula Modersohn-Becker. Das Gespräch fand im Rahmen der Ausstellungsreihe „Impuls Paula“ statt, mit der die Worpsweder Museen das Jubiläum „150 Jahre Paula Modersohn-Becker“ feiern.

Barath betrachtet Paula Modersohn-Becker nicht als fernes Kunstidol. Im Gegenteil. Schon als junges Mädchen begegnete sie ihr in einer Ausstellung, beeindruckt von den Briefen und Tagebüchern der Malerin. „Ich habe darin eine Frau gelesen, die erstaunlich direkt, ehrlich und modern wirkte. Sie kommt einem sehr nahe“, fasst Barath ihre Eindrücke zusammen.

Ihr eigener Stil sei dem von Paula Modersohn-Becker auf ihre ganz eigene Art recht ähnlich: vereinfacht, direkt, charakteristisch. Barath hat im Laufe ihres Studiums ihren Weg gefunden zwischen abstrakter Kunst, inspiriert von Emil Schumacher, und dem, was sie „Comics in Briefen“ nennt. So entstehen die einprägsamen Menschenbilder von Heike Kati Barath.

Sehen und gesehen werden

Die Künstlerin, die seit 2012 als Professorin für Figurative Malerei an der Hochschule für Künste Bremen lehrt, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Menschenbildern. Nicht die exakte Wiedergabe eines Gesichts interessiert sie dabei, sondern das, was dahinter liegt.

„Ich beobachte gerne“, so Heike Kati Barath mit einem Lachen. Was ihr dabei besonders gelegen kommt? Die vielen Bahnfahrten zwischen Bremen und Berlin. Wo sich andere auf ein Buch, eine Zeitung oder heutzutage zumeist auf ihr Handy konzentrieren, schaue die Malerin ihre Mitreisenden genau an, memoriert, und zeichnet zuhause.

Baraths Bilder sind in der Ausstellung „ich bin/du bist. Menschenbilder“ im Barkenhoff vertreten. Dort tritt Paula Modersohn-Beckers bekanntes Porträt „Mieke Vogeler mit Perlenkette“ mit zeitgenössischen Arbeiten in einen Dialog. Die Ausstellung zeigt, wie sich der Blick auf den Menschen über mehr als ein Jahrhundert verändert hat – und welche Fragen dabei offen geblieben sind.

Ihre beobachtende Rolle stellt Barath hier in ihrem Selbstporträt von 2013 dar. Klein und unscheinbar hat sie sich auf drei Leinwände gemalt, die auf den ersten Blick kaum auffallend unten in der Ecke einer Säule angebracht sind. Man möchte fast meinen, das Porträt betrachtet einen ebenso unauffällig aus dem Hintergrund, während man durch die Ausstellung geht.

Die Paula des 21. Jahrhunderts

Besonderes Interesse zeige das Publikum an Baraths „Handymädchen“ – ein Portrait eines Kindes, das besonders durch das große Smartphone vor seinem Gesicht auffällt. Daneben die Frage „Wer willst du sein?“ Die Texttafel scheint wie für das Bild gemacht, denn wer stellt sich diese Frage häufiger, als junge Menschen, überwältigt von der immer schneller werdenden Welt, gefangen im Social-Media-Strudel voller Vergleiche und Ängste? Paula Modersohn-Beckers Porträts – auf ihre eigene Art und Weise zeitgenössisch – haben diesen  Zustand ebenso eingefangen wie Baraths Handymädchen die heutige Generation einfängt. „Das ist die Paula des 21. Jahrhunderts“, bringt es eine Besucherin auf den Punkt.

Selbstzweifel, findet Heike Kati Barath, gehören zur Kunst dazu. Sie seien nicht nur Belastung, sondern häufig auch Antrieb – und zwar besonders für Künstlerinnen. „Zwar hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vieles verändert, dennoch ist die Sichtbarkeit von Künstlerinnen lange Zeit geringer gewesen als die ihrer männlichen Kollegen – und das ist heute häufig noch immer so. Dass aber mittlerweile verstärkt nach weiblichen Positionen gefragt wird, sei deshalb eine wichtige Entwicklung.“

Individuen in der Masse

Baraths drittes Werk in der Ausstellung hängt nicht an der Wand, sondern von der Decke. Unter dem Thema „wir sind/ihr seid“ stellt sie ihre bekannten Köpfe aus – hergestellt mit der Lampiontechnik und mit Kaltglasur versehen. Die Gesichter sind hell- und dunkelhäutig, manche haben langes Haar, andere eine Glatze, ein Kopf ist komplett weiß mit roten Augen. Jeder bringt seinen eigenen Ausdruck mit. Die Idee für die Köpfe ohne Körper sei der Künsterlin in einer Menschenmenge gekommen. „Wenn man durch viele Menschen hindurchgeht,  tauchen auch immer wieder nur die Gesichter vor einem auf, in die man dann für eine Sekunde blickt, bevor man weitergeht“, erklärt sie und huscht kurzerhand durchs Publikum, stellt hier und da Blickkontakt her und eilt dann weiter, um ihre Inspiration zu demonstrieren und sich zu verabschieden.

 

Die Ausstellung „Impuls Paula“ ist noch bis zum 1. November in den Worpsweder Museen zu sehen. Weitere Künstlerinnengespräche und Kunststunden bilden das Rahmenprogramm. Im Zentrum stets die Fragen, mit der sich schon Paula Modersohn-Becker beschäftigt hat: Wer bin ich? Wie sehen andere mich? Und welche Bilder vom Menschen prägen unsere Zeit?