Patrick Viol

Ausgestorbenes Leben - Über die Kunst im Worpsweder „Ausnahmezustand“

Worpswede. Von März bis Oktober 2018 herrschte in Worpswede „Ausnahmezustand.“ Mit diesem Ausstellungsprojekt boten Katharina Groth, zu der Zeit künstlerische Leiterin der Künstlerhäuser Worpswede, und der Künstler David Didebulidze zeitgenössischer Kunst in dem leer stehenden Hotel Eichenhof und den Künstlerhäusern eine temporäre Plattform. Über 60 nationale und internationale Künstler/innen zeigten in 16 einzelnen Episoden ihre Arbeiten. Jetzt erschien das sogenannte Artist-Book zum Projekt.
 

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Ist das Künstler/innendorf Worpswede mittlerweile nur noch das Museum seiner eigenen Geschichte? - Das Konzept „Ausnahmezustand“ als auch die meisten der im Artist-Book festgehalten Arbeiten problematisieren Worpswede als Künstler/innenort vor dem Hintergrund, dass es ihm an zeitgenössischer Kunst: an deren Präsenz, Praxis und Diskussionen mangelt.
Die performative Arbeit Tugba Simseks, Your Kisses Taste Like Candy z. B. wirft die Fragen auf, ob Worpswede heute lediglich ein mit Kunst gefülltes Ambiente für Kaffeekränzchen bietet und ob Kunst hier nur noch als bloßes Mittel zum Kuchenkonsum dient. Die Künstlerin Kornelia Hoffmann setzte als eine ihrer vielen Arbeiten ein scheinbares schwarzes Loch in den Boden eines der Ausstellungsräume und verweist auf eine Leerstelle im Raum der künstlerischen Gegenwart Worpswedes. Die Arbeit, die der Künstler Didebulidze ausschließlich für das Buch konzipierte, fragt danach - und das nicht ohne angenehmen schwarzen Humor -, ob ein/e Worpsweder Künstler/in nicht vornehmlich ein/e tote Künstler/in und der Kulturbetrieb vor Ort nicht letztlich ein makabres Totenfest sei, dessen Praxis darin besteht, unablässig seine Verstorbenen auszugraben.
Insofern das Verhältnis von Geschichte und Gegenwart, von künstlerischer Tradition und fehlender Gegenwartskunst, letztlich aber auch das Verhältnis von Lebendigem und Leblosem im Konzept „Ausnahmezustand“ Gegenstand der künstlerischen Auseinandersetzung wird, erweist sich die Wahl des Hotels Eichenhof als Ausstellungsort als ästhetisch konsequent. Durch den bestimmten, ausgestorbenen Raum des Hotels erlangen die Arbeiten eine über die Worpsweder Gegebenheiten hinausgehende allgemeine Bedeutungsebene. Das Hotel: dessen geisterhafte Unwirtlichkeit ermöglicht, dass die gezeigte Kunst nicht nur nach der Abwesenheit und dem Stellenwert ihrer selbst in Worpswede fragt. Es versetzt darüber hinaus die Arbeiten in die Lage, mit einer präsenten Absenz im Raum zu interagieren. So verbleibt der Kunstcharakter nicht allein bezogen auf die Arbeiten im Raum, sondern der Raum entfaltet sich über die Arbeiten in ihm zur Kunst. Oftmals wirken die Arbeiten in der Interaktion mit dem Raum wie vergessene bzw. verlassene Dinge, andere wie abgebrochene Ideen, manche fehl am Platz. Sie betonen dadurch ihrerseits den Raum als vom Leben verlassen und die Anwesenheit von Verschwundenem. Ähnlich wie die Skelette, die man in Didebulidzes Arbeit sieht, nimmt der Raum in der Interaktion mit den Arbeiten die Gestalt eines verkleideten Toten an, dessen Lebendigkeit nur noch in der Vorstellung existiert.
Betrachtet man das Buch zudem als eigenständige Arbeit und achtet auf den Charakter der Fotografien als bruchstückhafte Eindrücke vom „Ausnahmezustand“ als auch auf deren Gestaltung als unverbunden auf viel weißem Hintergrund bzw. verbunden durch viel Leere, drängt sich letztlich die Frage nach der Gestalt des heutigen Lebens auf. Eine Frage nach dem Anteil des Vergessenen, des Gebrochenen sowie des Leeren und Leblosen am Lebendigen. Besonders inszeniert sich diese Frage immer wieder an den Arbeiten in dem alten Kaminzimmer, das auf den meisten Bildern im Buch in Erscheinung tritt. Oder besonders stark in der Arbeit G(h)ost Room von Felipe Cortés, die den ehemaligen Kühlraum bedrückend verwandelt.
Letztlich zeigt sich, dass Groth, Didebulidze und die am „Ausnahmezustand“ mitgewirkt habenden Künstler/innen Worpswede als Künstler/innenort durch die Kritik der dortigen Bedingungen hindurch die Treue halten wollen: Gegenwartskunst ist hier möglich und sollte hier stattfinden. Die Peripherie mag gar seinen Anteil an der Stärke ästhetischer Reflexionen haben.
So wahr und treffend die vom Artist-Book aufgeworfenen Fragen und so gelungen und empfehlenswert das Buch als eigene Arbeit auch ist, so zwingend ist eine Kritik an dessen thematischer Ausrichtung. Indem Groth und Didebulidze ihrem Konzept - das im Buch abgedruckte - Carl Schmitt Zitat: „In der Ausnahme durchbricht die Kraft des wirklichen Lebens die Kruste einer in Wiederholung erstarrten Mechanik“ zugrunde gelegt haben, griffen sie in das ideologische Klo deutschen Denkens.
Auch wenn der metaphorische künstlerische Ausnahmezustand eine Produktivität in Worpswede ermöglichte, so wäre ein gesellschaftlicher fatal. Er kann nicht als Chiffre befreiten Lebens dienen; er ist die Mobilisierung seiner Beschädigung. Im Ausnahmezustand durchbräche nicht das wirkliche Leben die Kruste der Ordnung, sondern jenes, das sich in den Arbeiten des „Ausnahmezustandes“ zeigt: das gebrochene, verstümmelte, letztlich das ausgestorbene Leben, das sich im Normalvollzug der Verhältnisse reproduziert. Es für das wirkliche zu halten, wie Schmitt es tat, ist barbarisch, es zu mobilisieren wäre mörderisch. Losgelassen trachtet es danach, sich alles gleich zu machen. Das bewiesen bereits die Nazis, deren Vordenker Schmitt war.
So sehr die Freude, dass in Worpswede wieder etwas passierte, verständlich ist: Man sollte sich davor hüten, wie Schmitt die in der Krise der Ordnung freigesetzte Dynamik, Aktivität und Produktivität mit dem Ausdruck von befreiter Lebendigkeit zu verwechseln. Vielmehr gelte es, sie als blindes und aggressives Anrennen gegen die eigene, gesellschaftlich bedingte Ohnmacht zu erkennen. Ins Wanken geriete die Ordnung in Richtung Freiheit, wenn man dabei nicht mehr mitmachte. Befreiendes Chaos in die Gesellschaft vermag heute vielleicht nur noch Ruhe zu bringen.
Didebulidze, D./Groth, K. (Hrsg.): Ausnahmezustand, Bremen 2019, nnbuch, 22 Euro


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