Lena Stehr

Horrortrip zur Schule

Landkreis. Sowohl im Landkreis Osterholz als auch im Landkreis Rotenburg machen völlig überfüllte Busse vor allem jüngeren Schulkindern schwer zu schaffen.

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Foto: Entwurfsmaschine – stock.adobe.com

Als Träger der Schulbeförderung sind die Landkreise und kreisfreien Städte laut § 114 NSchG – Schülerbeförderung verpflichtet, Schhüler:innen „unter zumutbaren Bedingungen zur Schule zu befördern“. In den Landkreisen Osterholz und Rotenburg halten viele die Bedingungen allerdings für alles andere als zumutbar.

 

Kinder müssen aus dem Bus gezogen werden

 

So berichtet Vater Pascal Guseck, dass auf der Linie 800 von Bevern nach Selsingen die Schulbusse so „maßlos überfüllt“ sind, dass Kinder nach Schulschluss teilweise an der Haltestelle zurückbleiben und von den Eltern abgeholt werden müssen. Und wenn sie es schaffen würden, in den Bus zu steigen, müssten sie an der Haltestelle von den Eltern „herausgezogen“ werden. Aufgrund der aktuellen Umleitung kämen die Kinder zudem zur ersten Stunde immer zu spät, so Guseck, der sich auch um die Sicherheit der Kinder in den überfüllten Bussen sorgt.

Auch Mutter Joy Basedahl aus Bevern ist auf Zinne. Sie beschreibt den Weg ihrer Erstklässlerin zur Grundschule in Selsingen als „Horrortrip“, vor dem das Mädchen Panik habe. Ihre Tochter würde regelmäßig weinen und wünsche sich in den Kindergarten zurück. Die Lehrkräfte würden zwar darauf achten, dass die ganz Kleinen auf der Rückfahrt zuletzt einsteigen, was allerdings schon dazu geführt habe, dass sie teilweise auf den Einstiegsstufen mit der Nase an der Tür stehend fahren mussten, so Joy Basedahl.

 

Voll bis zum Anschlag

 

Ähnliche Erfahrungen machen auch Martha-Luise Brandenburger und Kim Marit Ehrke. Die Zwölftklässlerinnen der IGS Osterholz-Scharmbeck fahren mit dem Bus 640 nach Worpswede. Einige Busse seien „bis zum Anschlag überfüllt“, sodass man selbst stehend kaum Platz habe. Da Schüler:innen verschiedenster Altersgruppen zusammen in den Bussen fahren, könne es leicht passieren, dass Jüngere und Kleinere in der Menge untergehen würden.

Die Schüler:innen kritisieren zudem die Fahrzeiten. Man müsse teilweise eine Stunde auf den Bus warten und wenn man, wie es an der IGS für einige Schüler:innen ab der zwölften Klasse der Fall sei, einmal wöchentlich bis 17.10 Uhr Sportunterricht habe, sei man frühestens um 18.30 Uhr in Worpswede. Und das auch nur, wenn man zum rund 30 Minuten entfernten Hauptbahnhof laufe.

 

Enormer psychischer Stress vor allem für Busneulinge

 

Jonte Garms (12) aus Karlshöfen, der die siebte Klasse des St. Viti Gymnasiums in Zeven besucht, wollte schon häufiger die Schule wechseln - wegen der „fürchterlichen Bussituation“, berichtet Jontes Mutter Tina. Spätestens ab der Bushaltestelle Rhade müssten alle Kinder stehen und der Bus platze aus allen Nähten. Dicht an dicht gedrängt, mit FFP-2 Masken im Gesicht und schwer bepackten Schulranzen seien die Zustände untragbar. Besonders für „Busneulinge“ bedeute die Schulbusfahrt enormen psychischen Stress. Eingepfercht zwischen Jugendlichen könnten die Kinder z. B. häufig nicht die Stopp-Taste drücken.

 

Eltern müssen Taxi spielen

 

Es sei auch schon einmal vorgekommen, dass Jonte morgens vergeblich auf den Schulbus gewartet hat, sagt Tina Garms. Dann sei wieder einmal das Improvisationstalent der Eltern gefragt, die sich gerade auf dem Sprung zur Arbeit befinden. Und wenn dann am selben Vormittag die Schule maile, dass der Bus nach der sechsten Stunde um 13.10 Uhr auch nicht fahre, müssten die Eltern wieder „Taxi spielen“ - oder das Kind müsse bis 15.36 Uhr an der Schule auf den nächsten Bus warten.

 

Fachkräftemangel und Umleitungen

 

Dass sich die unzumutbaren Zustände in der Schüler:innenbeförderung bald bessern, scheint angesichts der Personalsituation bei den Busfahrunternehmen unwahrscheinlich. Wo zu wenig Fahrer:innen sind, können keine zusätzlichen Busse eingesetzt werden - kurz zusammengefasst ist das die aktuelle Situation in den Landkreisen Osterholz und Rotenburg und der Grund dafür, dass die tägliche Fahrt zur Schule wohl für viele erstmal ein „Horrortrip“ bleiben wird.

So seien zwischen 7 und 8 Uhr alle verfügbaren Busse im Schüler:innenverkehr im Bediengebiet der evb im Einsatz und die Kapazitäten an Fahrzeugen und Personal ausgeschöpft, sagt Andrea Stein, Sprecherin der evb. Insgesamt seien es 137 Busse und 150 Fahrer:innen inkl. Subunternehmen. Weitere Reserven stünden nicht zur Verfügung. Eine evb-Tochtergesellschaft - die Omnibusbetrieb von Ahrentschildt GmbH (OvA) aus Zeven - ist unter anderem für die Linie 640 von Worpswede nach Osterholz-Scharmbeck sowie für die Beförderung der Schüler:innen nach Selsingen sowie zum Gymnasium Bremervörde zuständig.

Derzeit komme es bei der Schüler:innenbeförderung zum Gymnasium Bremervörde und zur Grundschule Selsingen zu Verspätungen und Umleitungen, berichtet Christine Huchzermeier vom Landkreis Rotenburg. Grund seien vor allem die umfangreichen Straßenbauarbeiten auf der B 71, die abschnittsweise zwischen Selsingen und Bremervörde durchgeführt werden. Durch die Umleitungen seien die Busse auch stärker befüllt als sonst, da aufgrund der Bauarbeiten zwei Buslinien nicht bedient werden können und einige der betroffenen Haltestellen jetzt von der Linie 800 mit angefahren würden. Zusätzlich komme es gelegentlich zu ungeplanten Ausfällen aufgrund von Krankheiten, die wegen des Fahrer:innenmangels nicht immer rechtzeitig aufgefangen werden könnten.

 

Fahrpläne im Netz

 

Die Omnibusbetrieb von Ahrentschildt GmbH (OvA), fahre derzeit außerdem nach einem Notfahrplan im Nordkreis. Leider hätten diese Informationen offenbar noch nicht alle Eltern erreicht, so Huchzermeier. Die aktuellen Fahrpläne sind im Internet unter www.fahrplaner.de oder www.bahn.de bzw. in den entsprechenden Apps zu finden.

Aufgrund hoher krankheitsbedingter Personalausfälle sowie einem gleichzeitigen Personalmangel bei der Weser-Ems Busverkehr GmbH (WEB), einem Tochter-Unternhemn der DB Regio AG, kam es in der vergangenen Woche im Landkreis Osterholz zudem kurzfristig zu Fahrtausfällen auf den Linien 680, 681 und 686. Auch die Schüler:innenbeförderung sei betroffen, so Landkreis-Sprecher Sven Sonstroem. Landkreis und WEB hätten organisatorische Maßnahmen ergriffen, um die Folgen der Ausfälle zu minimieren und bitten die betroffenen Fahrgäste, insbesondere die Schüler:innen und Eltern um Entschuldigung.

 

Vor Fahrtantritt informieren

 

Sollten sich die krankheitsbedingten kurzfristigen Fahrtausfälle in den nächsten Tagen häufen, würden der Zweckverband Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen (ZVBN), der Landkreis Osterholz und die WEB die Einrichtung eines Notfahrplans prüfen. Eltern und Schüler:innen würden dringend gebeten, sich vor Fahrtantritt beim VBN über die Internetseite www.vbn.de/eilmeldungen/2 oder der Fahrplaner-App über die entsprechenden Fahrtmöglichkeiten zu informieren. Die Meldungen würden durch WEB eingestellt, sobald ein krankheitsbedingter Fahrtausfall bekannt sei.

 

Neue Busfahrer:innen dringend gesucht

 

Weitere Informationen gibt es zudem unter der 24h-Serviceauskunft des VBN unter 0421/ 596059. Weser-Ems Bus habe bereits seit langem die Rekrutierungsanstrengungen deutlich verstärkt und sei dabei, mit Ausbildungsoffensiven gegenzusteuern. Neue Busfahrer:innen werden insbesondere in den Landkreisen Osterholz, Verden und Rotenburg gesucht.

Passend dazu veranstaltet die evb einen Jobtag am Freitag, 7. Oktober, von 10 bis 16 Uhr auf dem Flugplatz in Rotenburg, bei dem gezielt Leute angesprochen werden, die sich als Busfahrer:in ausbilden oder umschulen lassen möchten.

 

www.dbregiobus-nord.de/stellenangebote.

www.deutschebahn.com/nds.


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