Patrick Viol & Lena Stehr

Hitzewelle: Ein zu heißer Trend

Erhöhte Sterberate unter Alten, Ertragsausfälle in der Landwirtschaft und weiteres Insektensterben - die Hitzewelle macht aber nicht nur vielen zu schaffen, sie wird auch keine Ausnahme mehr bleiben.

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120 Wetterstationen in Deutschland und 100 in England verzeichneten diese Woche Temperaturrekorde. In Hamburg kletterte das Thermostat zum ersten Mal auf 40, 1 Grad. In manchen Teilen von Berlin sank selbst nachts die Temperatur nicht unter 25 Grad - tropische Nächte. Und auch, wenn sich die Luft zum Ende der Woche etwas abkühlt hat: „Der aktuelle Trend wird noch bis mindestens 2060 anhalten, und zwar unabhängig vom Erfolg unserer Klimaschutzbemühungen. Wir werden uns an diese Art von Wetter gewöhnen müssen. Und die aktuellen Temperaturen werden uns in den kommenden Jahren mild erscheinen“, so Petteri Taalas, Generalsekretär der Weltwetterorganisation.
Aber vielen wird eine solche Gewöhnung nicht leicht fallen, für manche wird sie gar unmöglich sein.
 
Ertragsverluste
 
Für die Landwirtschaft seien andauernde Hitze- und Trockenperioden immer besorgniserregend, sagt Frank Havemeyer, landwirtschaftlicher Fachberater beim Landvolk Osterholz. Grundsätzlich sei zwar ein zu trockenes Frühjahr verheerender als eine Hitzewelle im Sommer, doch unter zu wenig Niederschlag kurz vor der Ernte leide unter anderem die Qualität des Getreides. In der Folge könne zum Beispiel der Weizen dann nur noch als Tierfutter verwendet, aber nicht mehr als Brotgetreide genutzt werden.
Bei starker Dürre sei zudem keine Grasernte möglich. Nach zwei guten Schnitten in diesem Jahr dank eines relativ feuchten Frühjahrs sei die dritte Ernte nun von verminderter Qualität. Im Zweifel müsse nachgesät werden, was zu mehr Kosten führe.
Auch der Mais leide, wenn es im Juli und August nicht oder wenig regnet, weil sich in dieser Zeit die Kolben bilden. Hier müssten hohe Ertragsausfälle einkalkuliert werden, wenn es in den kommenden Wochen keine ausreichend starken Niederschläge gebe. Um eine gute Grundversorgung der Böden zu gewährleisten, hätten viele Landwirtinnen aber bereits in den vergangenen Jahren reagiert und verstärkt auf Zwischenfruchtanbau gesetzt. „Erste Betriebe sammeln derzeit Erfahrungen im Anbau der Luzerne, die durch ihre intensive Durchwurzelung den Boden lockert und mit Humus anreichert“, so Havemeyer.
 
Gefahr für Nutz- und Haustiere
 
Hohe Temperaturen können auch für Nutz- und Haustiere zur Gefahr werden, da diese - abgesehen von Pferden - nicht schwitzen und sich nur durch Hecheln abkühlen können. Tierbesitzer:innen sollten darauf achten, dass die Tiere ausreichend Schatten und Wasser bekommen.
Dass neben Vögeln und anderen Wildtieren auch Insekten wie Hummeln, Bienen und Käfer bei Hitze dringend Wasser benötigen, betont Dr. Maren Meyer-Grünefeldt, von der Bremervörder NABU-Umweltpyramide. Die kleinen Nützlinge können leicht mit selbst gebauten Insektentränken unterstützt werden. Den Tieren sollte dabei immer mit Landeplätzen aus Steinen und etwas Moos ein gefahrloser Zugang zum Wasser ermöglicht werden.
Grundsätzlich seien für Vögel und andere Tiere naturnahe Gärten mit Bäumen und Büschen wichtig, denn kahle Steinwüsten böten keinen Sonnenschutz und heizten sich zudem stärker auf.
Vor allem unter Dächern entstehe zudem oft eine enorme Hitze, teilweise sogar über 60 Grad, so Meyer-Grünefeldt. Weil auf Dachböden häufig Fledermäuse, Mauersegler oder Sperlinge ihre Quartiere hätten, würden diese Standorte bei Hitze zur tödlichen Falle. Durch das Aufhängen von Nistkästen an der Hauswand, die längst nicht so heiß wird wie der Dachboden, könne Vögeln ein geeigneter Nistplatz angeboten werden.
 
Neue Konzepte für Krankenhäuser
 
Eine tödliche Hitzefalle kann auch das eigene Zuhause werden, vornehmlich für alte und alleinlebende Menschen. Hitze erhöht für sie die Gefahr eines Kreislaufkollapses. Aber nicht nur zu Hause sind alte und chronisch kranke Menschen der lebensbedrohlichen Hitze ausgesetzt, sondern ebenso in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Nicht zuletzt deshalb, weil in Krankenhäusern nur auf den Intensivstationen Klimaanlagen erlaubt sind und viele Krankhäuser gebäudetechnisch nicht auf lang anhaltende Hitzewellen vorbereitet sind. Wie z. B. die Altbauten der Ostemed Klinik, wie Sprecherin Dagmar Michaelis mitteilt. Für solche Sommer müssten neue Konzepte erstellt und gegebenenfalls nachgerüstet werden. Entsprechend fordert die ÄKN-Präsidentin Dr. med. Martina Wenker und ÄKN-Vizepräsidentin Dr. med. Marion Charlotte Renneberg Hitzeschutzmaßnahmen für Menschen in Pflegeheimen sowie die Einführung von konkreten kommunalen Hitzeschutz-Plänen zur Versorgung von alleinstehenden, älteren sowie kranken Menschen.
 
Versorgung in den hiesigen Krankenhäuser
 
Dass die Ärztekammer ein weitergehendes Hitzemanagement fordert heißt aber nicht, dass vor Ort nicht alles getan wird, damit die Patientinnen in den Krankenhäusern und die Seniorinnen in den Pflegeheimen sicher durch den Sommer kommen. Konkrete Hitzeschutzpläne liegen im Osterholzer Kreiskrankenhaus und in der Ostemed Klinik wie deren Pflegeheimen vor. Es werden die Jalousien früh runtergelassen, leichte Decken ausgeteilt und Ventilatoren in den Zimmern aufgestellt. Zudem werde auf vermehrte Flüssigkeitszufuhr sowie leichte Kleidung geachtet und das Essen auf leichte Speisen umgestellt. Auch kühlen Pfleger:innen die Patientinnen und Seniorinnen mit kalten Waschlappen auf der Haut.
Im Kreiskrankenhaus wird auch darauf geachtet, dass die Mitarbeitenden nicht überhitzen. Für sie gebe es zwischendurch auch mal Eis, so Krankenhausleiter Klaus Vagt.
 
Für weitere Tipps ist unter www.landkreis-oster-holz.de/sommerhitze ein Flyer abrufbar.


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