Lena Stehr/Jörg Monsees

Der Piks gegen die Pandemie

Landkreis Rotenburg. Während viele Heimbewohner:innen inzwischen ihre erste Covid-19-Impfung erhalten haben, passiert in den Impfzentren noch nichts. Niedersachsen hat die geringste Impfquote und auf Bundesebene herrscht Streit über „verschleppten“ Impfstart.

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Dass Ingelore Ernst einmal „berühmt“ werden würde, hätte die 78-jährige nicht für möglich gehalten. Doch die Bewohnerin des Seniorensitzes „Zwei Eichen“ in Selsingen wird in die Geschichtsbücher eingehen als erste Person, die im Landkreis Rotenburg gegen das Corona-Virus geimpft wurde.
Am 1. Januar kam eins der drei mobilen Impfteams mit Polizeieskorte zu den insgesamt 33 Bewohner:innen der „Zwei Eichen“. 28 von ihnen sowie 20 Mitarbeiter:innen krempelten die Ärmel hoch und ließen den kleinen Piks über sich ergehen.
„Es war halb so schlimm“, berichtete Ingelore Ernst auf ANZEIGER-Nachfrage. Und während für sie sofort feststand, dass sie sich impfen lässt, habe es bei einigen Bewohner:innen durchaus Bedenken gegeben, sagt Pflegedienstleiterin Birgit Woitack. Als sie dann aber erzählt habe, dass sie sich selbstverständlich auch impfen lasse, wollten fast alle mitmachen. Zudem habe auch der Hausarzt der Einrichtung alle im Vorfeld umfassend informiert, sagt Woitack. Die zweite Impfung gibt es dann am 22. Januar.
Ähnlich lief es auch im HeidstückenHus in Oerel, sagt Heimleiter Mark Noetzelmann. Dort wurden vergangene Woche mehr als 80 Bewohner:innen und Mitarbeiter:innen geimpft. Allen Geimpften gehe es gut.
 
Mehr als 50.000 Impf-Dosen ausgeliefert
 
Das Land Niedersachsen hat inzwischen mehr als 50.000 Impfdosen ausgeliefert (Stand: 7. Januar) und wollte im Laufe der vergangenen Woche noch ca. 10.000 weitere Dosen an die Impfzentren ausliefern. Jedes Impfzentrum habe damit laut Gesundheitsministerin Dr. Carola Reimann eine Lieferung mit mindestens 975 Impf-Dosen erhalten.
In den Landkreisen Rotenburg und Cuxhaven wurde allerdings bislang in den Zentren noch niemand geimpft, da zunächst mobile Teams in den Alten- und Pflegeheimen starteten.
 
Bürger:innen über 80 werden angeschrieben
 
Wenn der Schutz der Heimbewohner:innen hergestellt sei, werde das Land im Laufe der kommenden Woche alle Bürger:innen über 80 Jahren per Brief anschreiben und über das Impfprozedere informieren. Ab dem 28. Januar werde dann das Anmeldeportal freigeschaltet.
Die Geschwindigkeit, mit der geimpft werden könne, hänge im Wesentlichen von der Verlässlichkeit und dem Umfang der Lieferungen des Impfstoffes ab, so Reimann.
Am 4. Januar wurden in Niedersachsen 3.271 Impfungen durchgeführt, am 5. Januar 6.499 Impfungen und am 6. Januar 7.444 Impfungen.
 
Land mit schlechter Impfquote
 
Im bundesweiten Vergleich belegte Niedersachsen Mitte vergangener Woche mit 1,9 Impfungen pro 1.000 Einwohner:innen noch den vorletzten Platz, nur Thüringen (1,7) schnitt schlechter ab. Den höchsten Wert wies Mecklenburg-Vorpommern mit 11,2 auf.
Ein Grund dafür könnte der stockende Nachschub von Impfstoff sein. So habe Niedersachsen Ende 2020 15.000 Dosen weniger als angekündigt erhalten, eine Lieferung über 63.000 Dosen sei sogar komplett entfallen, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Die nächste Impfstofflieferung für Niedersachsen über 63.000 Dosen war für den 8. Januar angekündigt. Danach soll erst wieder am 18. Januar Impfstoff eintreffen.
 
Streit auf Bundesebene
 
Auf Bundesebene hat der Impfstart einen heftigen Streit ausgelöst. Nicht nur die Opposition wirft der Bundesregierung vor, bei der Vorbereitung versagt zu haben. Auch aus der SPD kommt Kritik: Deutschland stehe schlechter da als andere Länder und es sei zu wenig Impfstoff bestellt worden, bemängelte etwa SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil. Außerdem sei die Strategie im Vorfeld mit den Bundesländern nicht ausreichend abgestimmt worden. Teile der SPD forderten gar einen Untersuchungsausschuss, Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) schickte einen umfassenden Fragenkatalog an Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Er möchte Details über die Impfstoff-Bestellung der EU erfahren und außerdem wissen, ob der Gesundheitsminister versucht habe, zusätzliche Lieferungen für Deutschland zu bekommen.
 
Zweiter Impfstoff zugelassen
 
Inzwischen hat die Europäische Kommission auch dem Impfstoff des US-Herstellers Moderna die Zulassung erteilt. Die Wirksamkeit des Moderna-Impfstoffs liegt offenbar bei gut 94 Prozent. Biontech und Pfizer hatten die Wirksamkeit ihres Vakzins auf 95 Prozent beziffert. Beide Impfstoffe basieren auf einer neuen Technologie, der sogenannten Boten-RNA (mRNA), die den menschlichen Zellen die Information zur Produktion von Proteinen und damit zur Bekämpfung der Krankheitserreger vermitteln soll. Deutschland rechnet in den ersten Wochen mit mindestens 1,5 Millionen Dosen vom Moderna-Impfstoff. Insgesamt hat sich Deutschland über die EU 50 Millionen Impfdosen dieses Herstellers gesichert. Zusammen mit den Dosen von Biontech und Pfizer werde die Bundesrepublik laut Gesundheitsminister Jens Spahn mehr als 130 Millionen Dosen erhalten.
 
Der Rest der Welt muss warten
 
Weitaus düsterer sieht es derweil im sogenannten globalen Süden aus. Das Problem sind einerseits die finanziellen Mittel - die Impfstoffe von Biontech und Moderna sind die teuersten. Andererseits haben sich die reicheren Staaten große Teile der Produktion gesichert. Die Weltgesundheitsorganisation hatte sich um eine gerechte Verteilung der ersten Impfstoffe bemüht.
Gemessen an der Bevölkerungszahl erhalten die wohlhabenden Staaten des Westens dennoch anteilsmäßig deutlich mehr Impfstoff-Dosen, als der Rest der Welt. In Südafrika ist es deshalb schon zu Protesten gekommen. Dort verbreitet sich eine Mutation des Coronavirus trotz sommerlicher Hitze rasant, das Land ist seit Ende Dezember im Lockdown mit Ausgangssperre ab 21 Uhr. Viele Krankenhäuser sind voll, Verhandlungen über Impfstoff-Bestellungen soll es erst ab Februar geben.


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